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press report #2 / Pressebericht #2       print / drucken       back / zurück

bz FREITAG 9. AUGUST 2002

Viele Mausklicks für eine Ballade

HOCHSAISON IV /Die Konzertsaison steht vor der Tür. Es werden Programme eingeübt und neue Songs komponiert. Die bz hörte bei Hardrock-Musiker György Zsigmond rein.

VON ANDREA MASEK STOTT

BASEL. «Eins, zwei, drei; eins, zwei, drei, und los gehts. György Zsigmond spielt den Song «Sam´s Garden» auf der akustischen Gitarre ins PC-Mikrophon. Darauf wird das Lied «normalisiert». Das heisst, auf normale Lautstärke gebracht. Das «Studio-Programm» hat alle nötigen Tools dazu.

Arbeitsort ist das Schlafzimmer von Zsigmond. Der Musiker bereitet die abendliche Probe seiner Band Tell vor. Er will ihr den neuen Song präsentieren. Tellbereitet sich zurzeit intensiv auf die bevorstehende Konzensaison vor. Die Hardrock-Band hat sich neu formiert, und so soll im Herbst auch eine neue CD eingespielt werden.

Zsigmond ist der Bassist von Tell. Er komponiert auch die meisten Songs. «Sam´s Garden» stammt aus seiner Feder. «Darin erzähle ich mein Leben», verrät er. Der Song sei zufällig entstanden, während Israel-Ferien. Er habe einen Kibbuz besucht und sei fasziniert gewesen vom Gegensatz Oase-Wüste. «Sam´s Garden» habe der Kibbuz geheissen. «Es ist kein politisches Lied», meint er, «aber vielleicht hilft es, ein paar Vorurteile abzubauen.» Die Botschaft, die er rüberbringen will, ist: Es gibt solche Oasen für jedermann.

Die Ballade - ein «softeres» Zugeständnis an die weiblichen Fans dürfte auf die neue CD kommen. Aber zuerst muss sie einstudiert und zuallererst heute «komponiert» werden.

Der Refrain macht den guten Song aus

Das Schwierigste ist das Tempo erklärt der 44-jährige, der in Freiburg im Breisgau Musikwissenschaften studiert, aber nie abgeschlossen hat. Deshalb hat er zu Beginn verschieden Tempi ausprobiert. Er griff dafür in die Saiten, dann zur Maus, spielte wieder ein paar Akkorde, die er erneut auf dem PC speicherte. Das optimale Tempo notierte er auf einem Zettel.

Der Gitarrenpart ist mittlerweile gemacht. Nun kommt der Gesang. Zsigmond setzt den Kopfhörer auf. Wie immer gibt es zuerst eine Probeaufnahme. «Ich werde nicht alle Strophen singen. nur die ersten zwei, das reicht», erklärt er.

«Eins, zwei, drei: Long time ago when l was a child ... » Er singt die erste Strophe, verpasst den nächsten Einsatz, stoppt das Ganze, spult zurück und versuchts nochmals. «Okay, jetzt der Refrain», sagts und singt «Na, na, na, na». Der Refrain ist ihm sehr wichtig. "Das Publikum soll ihn sofort mitsingen können und ihn dann mitnehmen». Dann sei es ein guter Song.

Er beginnt noch zweimal von vorne, nimmt die zweite und dritte Stimme respektive den Chor auf. Jedes Mal wird er lauter, weil er die Stimme heben muss Er wirft einen Blick zum Fenster: «Normalerweise ist es geschlossen, ich will die Nachbarn nicht stören. »

Sehr schön kommentiert er, als er alles abhört. Auch für ihn sei es immer wieder überwältigend, wie aus einem Nichts bis zum Abend ein nahezu fertiger Song entstehe.

Auf der Suche nach der richtigen Frequenz

Doch «fertig» ist das Produkt noch eine Weile nicht. Jetzt öffnet Zsigmond das Mischpult (auf dem PC). Er spielt mit den Volumes. Gut jetzt bringt er die hölzern tönende Gitarre zum klingen - per Mausklick. Auch der Gesang erhält eine feine «Arnbiance». Anschließend setzt er Gitarre und Gesang in ein «schönes Verhältnis» Dabei fährt er sich immer wieder angespannt durchs Haar.

Ein Nachbar beginnt den Rasen zu mähen. «Kein Problem» meint der Musiker. Er mischt die Sologesänge, es töne noch etwas schräg, sucht zum x-ten Mal die richtige Frequenz für die Gitarre. «Ich kenne meine Grenzen und die meines Computers», sagt er, «aber ich will heute Abend etwas bringen, von dem die Jungs sagen: ja toll.

Er speichert - kurz darauf stürzt der PC ab. Zeit für eine Zigarette. Zeit um nachzufragen, wie Melodien und Texte entstehen? Der Text kommt zuerst. «Ich bau ihn wie ein Film-Storyboard auf, erzählt Zsigmond, Gedanken werden notiert. Dem Reim müssen dann oft welche weichen. Der Musiker textet auf Englisch. «Dafür steht das Wörterbuch auf dem Pult», schmunzelt er. Zudem schickt er all Texte an einen Freund in Kalifornien.

Aus einem schönen Akkord wird ein Lied

Melodien fliegen ihm zu. Ist er unterwegs, hält er am und macht sich Notizen. Jingles im Fernsehen inspirieren ihn ebenfalls, Er nimmt die Gitarre zur Hand, spielt einen «schönen Akkord», zupft weiter und schon ist eine neue Melodie geschaffen. «Man

muss relativ schnell eine Umgebung für solch einen Akkord finden, sonst kann man gleich wieder aufhören», meint der Fachmann. Wird er die Melodie nicht vergessen? Nein, er schaffe sich eine Eselsbrücke - in diesem Fall «Computer mit Journalistin».

Der PC läuft wieder. Zsigmond mixt alle Soundfragmente auf eine Datei. Er ist noch nicht ganz zufrieden. «Ich bin kein PerfektioniSt betont er, doch ein bisschen Bass gehöre noch hin. Das mache ganz was anderes aus dem Lied. Er schliesst das Instrument an spielt. «Etwas brummig», urteilt er und mischt daran herum. Schliesslich wird das Ganze auf eine CD gebrannt. Inklusive Vorwort: «Darin erkläre ich den Jungs jeweils, um was es geht.

Heute ist es gut gelaufen. Geht es happig zu, überlistet er sich jeweils selber, indem er den zu bearbeitenden Song mit furchtbarem Schweizer Akzent interpretiert oder einfach ein paar Minuten damit rumblödelt. Er bringt sich so selber zum Lachen und ist gelöst.

Ein Problem gilt es jetzt für die Band zu lösen. Beim Song «Hard times» wissen die vier Kollegen nicht genau, was singen. György nimmt wieder Gitarre und Chor auf, normalisiert alles, mischt es und presst es auf CD.

Es ist halb sechs. Zsigmond bereitet eine Pizza für den 13-jährigen Gabriel zu. Bevor der Vater ins Probelokal von Tell ins Kleinbasel fährt, reicht die Zeit noch für einen kurzen Wortwechsel mit dem Sohn. In den nächsten drei Stunden heisst es dann wieder ständig: «Eins, zwei, drei ... »